Drei neue bedrohte Schildkrötenarten
Im Zoo Zürich sind drei neue Schildkrötenarten eingezogen. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind stark, teils vom Aussterben bedroht. Die Aufnahme der drei Arten in den Tierbestand ist ein weiterer Schritt des Zoos hin zum Zoo der Zukunft. Bereits in naher Zukunft werden nur noch gefährdete Arten oder Arten, für die ein berechtigtes Forschungsinteresse besteht, im Zoo Zürich leben. Schon heute gilt rund die Hälfte der Wirbeltierarten im Zoo als gefährdet. Bei den Reptilien, zu denen auch die Schildkröten zählen, sind es aktuell Zweidrittel.
Gemächlich gleitet sie durchs Wasser. Mal tauchend, mal guckt der Kopf oben aus dem Wasser raus. Die Annam Bachschildkröte (Mauremys annamensis) ist die kleinste der drei neuen Schildkrötenarten im Zoo Zürich. Gemeinsam haben alle drei Arten, dass sie bedroht sind. Um die Annam Bachschildkröte steht es dabei besonders schlecht. Gelistet ist sie als vom Aussterben bedroht. Noch.
Hybridisierung in Gang
In ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Vietnam ist sie vielerorts bereits ausgestorben oder dort, wo es sie noch gibt, steht dies wahrscheinlich kurz bevor. Noch schätzungsweise 50, maximal 100 Tiere existieren in der Natur. Das sind so wenige, dass die Tiere teilweise keine Partner zur Fortpflanzung mehr finden. So vermutet es zumindest die Wissenschaft.
Denn mittlerweile tauchen auch Hybride in der Natur auf. Diese entstehen, wenn sich eine Art mit Tieren einer verwandten Art paart. Im Fall der Annam Bachschildkröte ist dies die Chinesischen Streifenschildkröte, welche im gleichen Ursprungsgebiet vorkommt. Die Annam Bachschildkröte zählt zu den 25 seltensten und am stärksten gefährdeten Schildkrötenarten der Welt.
Umfangreiche Schutzmassnahmen
Um die Art zu retten, existieren bereits verschiedene Schutzmassnahmen. So ist die Art in Vietnam streng geschützt und gilt als prioritär. Ihr Schutz sowie der ihres Lebensraums haben somit Vorrang. Auch wurde eine Reservepopulation aufgebaut, sowohl in Vietnam als auch ausserhalb. Daran beteiligt ist auch die EAZA, die Vereinigung der europäischen Zoos und Aquarien, die die Art im Rahmen eines Erhaltungszuchtprogramms EEP züchtet. Mit der Aufnahme der drei neuen Schildkrötenarten in den Tierbestand beteiligt sich fortan auch der Zoo Zürich daran.
In der Vergangenheit wurden bereits Tiere aus diesem Zuchtprogramm in Wiederansiedlungsprojekte und Auffangstationen nach Vietnam gegeben. Jedoch ist das Fehlen von geeigneten Habitaten ein grosses Problem. Die Bevölkerung Vietnams wächst stark und mit ihr der Bedarf an Siedlungs- und Landwirtschaftsfläche, vor allem für den Reisanbau. Hinzu kommt ein intensiver illegaler, aber lukrativer Handel mit der Art für traditionelle medizinische Zwecke sowie den Verzehr.
Andere Art, ähnliches Schicksal
Lebensraumverlust – insbesondere durch Brandrodung, Abholzung und Überweidung – sowie der Verzehr als Nahrungsmittel sind auch die grössten Bedrohungen für die Strahlenschildkröte. Auch sie ist vom Aussterben bedroht.
Einst galt die Strahlenschildkröte als Symboltier des südlichen Madagaskars. Die Landschildkröte war weit verbreitet und oftmals am Strassenrand anzutreffen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die nur auf der afrikanischen Insel vorkommende Art ist inzwischen sehr selten. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass die Strahlenschildkröte innerhalb einer Generation, welche etwa 45 Jahre umfasst, bereits verschwunden sein könnte.
Wie ein strahlender Stern
Zum Verhängnis wurde ihr zudem ihre einzigartige Optik. Die Strahlenschildkröte gilt vielen Menschen als eine der schönsten Schildkröten, was sie zu einem begehrten Objekt auf dem illegalen Heimtiermarkt macht. Ihre Panzermusterung ist sehr auffällig und erinnert an Strahlen, die sich von der Mitte her sternförmig ausbreiten.
Diese Besonderheit findet sich auch im wissenschaftlichen Namen der Schildkröte wieder: Astrochelys radiata. Radiata leitet sich aus dem Lateinischen Wort für radius, also Strahl ab und heisst so viel wie die Strahlende. Astrochelys ist ein zusammengesetztes Wort und stammt aus dem Griechischen. Astro bedeutet Stern und chelys steht für Schildkröte, also Sternschildkröte. Auch dies spielt auf die Panzermusterung an.
Für die Strahlenschildkröte gibt es eine im Rahmen eines Europäischen Erhaltungszuchtprogramms EEP geführte Reservepopulation, an der sich nun auch der Zoo Zürich beteiligt. Insgesamt fünf Tiere leben bei uns. Zwei Männchen, zwei Weibchen und ein Jungtier.
Hoher Preis für Popularität
Strahlen trägt auch die dritte stark bedrohte Schildkröte in ihrem deutschen Namen, obwohl sie optisch eher durch Punkte besticht. Die Haut der Strahlen-Dreikielschildkröte (Geoclemys hamiltonii) ist mehrheitlich schwarz, gesprenkelt mit zahlreichen hellen, teils weissen punktähnlichen Flecken. Ihr Panzer ist ebenfalls dunkel, weist neben hellen Flecken aber auch strahlenförmige Streifen auf.
Insbesondere auf dem asiatischen Markt ist die elegant wirkende Strahlen-Dreikielschildkröte seit den 2000er Jahren zum beliebten Haustier avanciert, weshalb das illegale Sammeln der Art eine der grössten Bedrohungen ist. Innerhalb weniger Jahre musste ihre Bedrohungszustand daher von nicht gefährdet zu gefährdet und schliesslich zu stark gefährdet heraufgestuft werden.
unter Beobachtung
Weitere Bedrohung sind Gewässerverschmutzung durch intensive Landwirtschaft und damit Lebensraumverlust sowie das Verfangen in Fischernetzen. Denn wie die Annam Bachschildkröte ist auch die Strahlen-Dreikielschildkröte eine Sumpfschildkröte, die mehrheitlich im Wasser lebt. Die Art kommt ebenfalls nur im asiatischen Raum vor. Ihr Hauptverbreitungsgebiet sind die Flusssysteme von Ganges, Indus und Brahmaputra in Bangladesch, Indien, Nepal und Pakistan.
Aktuell wird die Bestandsentwicklung der Art durch die Expert*innen der EAZA genau verfolgt. Es besteht bereits ein Zuchtbuch für die Art, jedoch noch kein übergeordnetes Europäischen Erhaltungszuchtprogramm. Im Zoo Zürich sind 15 Jungtiere eingezogen, die langfristig züchten sollen und so bereits heute zum Erhalt der Art beitragen
Zoo als Naturschutzorganisation |
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| Der Zoo Zürich versteht sich als Naturschutzorganisation mit den vier Hauptaufgaben Artenschutz, Naturschutz, Bildung und Forschung. Als solches fokussiert der Zoo auf die Haltung gefährdeter Arten. Aktuell beläuft sich der Anteil gefährdeter Wirbeltierarten im Zoo Zürich auf 47 Prozent. In den kommenden Jahren wird der Anteil kontinuierlich ansteigen mit dem Ziel künftig nur noch gefährdete oder forschungsrelevante Arten zu halten. Denn nicht nur der Schutz von Arten ist wichtig, auch deren Erforschung, um Wissenslücken zu füllen und Schutzmassnahmen weiter zu verbessern. Gefährdete Arten nach Ordnung: |
VIDEOS
Die Videos sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.
Drei neue bedrohte Schildkrötenarten (mit UT)
Video: Zoo Zürich, Tim Benz
Drei neue bedrohte Schildkrötenarten (ohne UT)
Video: Zoo Zürich, Tim Benz
BILDER
Die Bilder sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.
15 Jungtiere der Strahlen-Dreikielschildkröte leben neu im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini.