Skip to main content
  • Impalas in der Lewa Savanne im Zoo Zürich.

    Das eigene Fleisch ist das beste – Teil 2

    Zoodirektor Severin Dressen über den Fleischkonsum im Zoo und woher das beste Futter für unsere Raubtiere kommt. Zweiter Teil.

    Auf meine letzte Kolumne habe ich viele Rückmeldungen erhalten. Das Thema Essen treibt um. Es ist etwas, womit wir uns täglich auseinandersetzen. Und wir nähern uns in grossen Schritten der Advents- und Weihnachtszeit – der Hochsaison an Leckereien und Festmählern. Besonders viel Interesse rief allerdings der Teil über die Verfütterung eigener Tiere hervor.

    Was auf den ersten Blick als befremdlich erscheinen mag, macht auf den zweiten Blick viel Sinn: Unsere Fleischfresser im Zoo brauchen Fleisch. Ob unsere Schneeleoparden ein Stück von einer Kuh aus dem Zürcher Umland oder ein Stück von einer Antilope aus dem Zoo fressen, macht für sie keinen Unterschied. Für uns aber schon: So wissen wir bei der Antilope ganz genau, dass sie sich nur vom besten Gras ernährt hat, ohne unnötige Medikamente oder Antibiotika. Und wir haben die Gewissheit, dass die Antilope bis zur Schlachtung ein wunderbares Leben hatte, jeden Tag in ihrer Herde auf unserer weitläufigen Lewa Savanne unterwegs sein konnte – etwas, was nicht jeder Kuh geboten wird.

    Zudem kommt es bei manchen Tierarten im Zoo immer wieder vor, dass es überzählige Tiere gibt. Doch was bedeutet «überzählig» in diesem Zusammenhang?

    Bleiben wir bei den Antilopen. Auf unserer Lewa Savanne haben wir zwei Arten davon: das Impala und die in der Natur leider ausgestorbene Säbelantilope. Für die Impalas führt der Zoo Zürich seit kurzem das Zuchtbuch des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP). Wir sind also für alle Impalas in europäischen Zoos verantwortlich.

    Impalas leben in Gruppen von mehreren Weibchen mit ihren Jungtieren, aber mit nur einem erwachsenen Männchen. Das heisst, auf ein Männchen kommen mehrere Weibchen. In jeder gesunden Population braucht es Neugeborene. Nur dann bleibt die Population stabil und es gibt genügend Jungtiere, um alte, gestorbene Tiere zu ersetzen.

    In der Natur werden ungefähr gleich viele Männchen und Weibchen geboren. Was Sinn macht: Denn Männchen, die keine Weibchengruppe für sich finden, die alleine oder mit anderen Männchen leben, werden leicht zur Beute von Fressfeinden. Ihre Sterblichkeit ist hoch. Es braucht in der Natur also viele junge Männchen, damit am Ende genügend erwachsene Männchen übrigbleiben.

    In Zoos fällt nun dieser dezimierende Faktor weg. Da es unseren Impalas an nichts mangelt, sie immer genügend Futter bekommen, keine Fressfeinde haben und allfällige Krankheiten oder Parasiten vom Tierarzt behandelt werden, überleben im Zoo alle Impalas, egal ob Männchen oder Weibchen.

    Aus diesem Grund kommt es automatisch zu einem Überschuss an erwachsenen Männchen. Diese «überschüssigen» Männchen können nicht bei uns bleiben. Über das EEP an andere Zoos vermittelt.

    Gibt es aber keine freien Plätze, verfüttern wir sie stattdessen an unsere Raubtiere. Für dies ist das eine willkommene Abwechslung – und ein grosser Genuss: Sie bekommen einwandfreies Fleisch aus eigener, guter Haltung.

    Zoodirektor Severin Dressen 2020 im Masoala Regenwald des Zoo Zürich.

    Zoodirektor Severin Dressen.

    Nebenstehender Text erschien erstmals im Rahmen der «Zoologisch»-Kolumne Severin Dressens im «SonntagsBlick-Magazin».